Vorträge


Kerstin Stakemeier: Entkunstung – Ausbrüche in der Kunst

In Theodor W. Adornos posthum publizierter Ästhetischen Theorie erscheint die Entkunstung als modernes Fatum der Kunst. Sie charakterisiert die Auswirkungen der Kapitalisierung der Welt auf den Bereich des Ästhetischen. Teilt man jedoch nicht Adornos amour fou für das Bürgerliche der Kunst, wohl aber seine Kritik am Kapitalismus, so lässt sich das Verhältnis umkehren: Entkunstung als historische Politisierung der künstlerischen Praxis, als ihr Weg aus der Repräsentation. Der Gegenwartkunst wurde die Entkunstung zum wesentlichen Charakteristikum, zum politischen ebenso wie zum repräsentativen.

Mitschnitt des Vortrags von Kerstin Stakemeier vom 04. Mai 2012. Verwendung, Vervielfältigung und Weitergabe der Inhalte bedürfen der Genehmigung. Die Rechte liegen bei der Referentin.

Michael Hirsch: Funktionen der Funktionslosigkeit: Ästhetischer und politischer Messianismus nach Adorno
Die falsche Einrichtung der Welt ist nach Adorno die eines Banns oder einer Entstellung. Dem entspricht der messianische Gedanke einer Verschiebung der Dinge um ein Winziges, welche aber eine Änderung ums Ganze wäre. Die Idee einer ganz anderen (An-)Ordnung der Dinge schillert dabei zwischen ästhetischem Schein und radikaler politischer Utopie. Welche Beziehung unterhält die utopische Idee einer anderen Anordnung der Dinge und Menschen in der Kunst im Vergleich zu ihrer gegenwärtigen realen Anordnung – und zu einer möglichen anderen, befreiten sozialen Ordnung? Ist ‚Kunst’ noch ein guter Name, sind Kunstwerke noch geeignete Orte für die Darstellung einer neuen „Aufteilung des Sinnlichen“ (Jacques Rancière)? Wie sehr brauchen die souverän gewordenen Betrachter noch durchgebildete Kunstwerke und den bürgerlichen Kunstbetrieb – in welchem Maß können sie selbst mit gefundenen Objekten und Bildern eine neue Anordnung und neue Gebrauchsweisen der Dinge erfinden? Dabei interessiere ich mich für Phänomene der ‚Entkunstung’ oder Entwerkung nicht so sehr als künstlerische Strategien, sondern eher als Indikatoren für ein Hinausgehen über den Bereich der Kunst als gesellschaftlichen Sonderbereich. Der Vortrag untersucht die Zone der Zweideutigkeit zwischen ästhetischem Schein und gesellschaftlicher Utopie. Ich versuche dabei, die utopische Lehre einer ganz anderen gesellschaftlichen Ordnung mit der radikalen republikanisch-egalitären Lehre vom „Ruhm des Beliebigen“ (Rancière) zu verbinden.

Mitschnitt des Vortrags von Michael Hirsch vom 15. Mai 2012. Verwendung, Vervielfältigung und Weitergabe der Inhalte bedürfen der Genehmigung. Die Rechte liegen bei dem Referenten.

Roger Behrens: Ästhetik, heute? Pop, Kulturindustrie und die Aktualität der kritischen Theorie
Mit der Kritik der Kulturindustrie diagnostizieren Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung eine vollständig von der kapitalistischen Verwertungslogik erfasste moderne Gesellschaft: Die fortschreitende Kommodifizierung aller Lebensbereiche verwandelt tendenziell alle Kultur in eine Ware. Im Pop, seit den fünfziger Jahren, kulminiert dies bis zur Umkehrung: Alle Ware wird Kultur. Weitreichende Konsequenzen hat das für jene Bereiche, die in der (post)modernen Gesellschaft als „Kunst“ bezeichnet werden. Die kritische Theorie sieht hier realisiert, was Hegel bereits als das Ende der Kunst postulierte: die idealistischen Vorstellungen von Kunst sind nicht länger zu halten, Ästhetik wird vollends zur Ideologie. Eine ähnliche Entwicklung hat Adorno auch in seiner Ästhetischen Theorie formuliert: er spricht vom Absterben oder Verstummen der Kunst. Interessanterweise lässt Adorno sich in seinem Befund allerdings kaum auf die Gegenwartskunst und die Avantgarden ein; zu den modernen Kunstdiskursen bleibt die Ästhetische Theorie weitgehend disparat. Im Vortrag geht es um grundsätzliche Fragen nach Sinn und Unsinn von Ästhetik, heute. Was hat die Ästhetische Theorie mit Kunst heute zu tun? Was hat Kunst mit Pop zu tun? Und was hat Pop mit der Ästhetischen Theorie zu tun?

Mitschnitt des Vortrags von Roger Behres vom 31. Mai 2012. Verwendung, Vervielfältigung und Weitergabe der Inhalte bedürfen der Genehmigung. Die Rechte liegen bei dem Referenten.
Hinweis: Roger Behrens hat während des Vortrags eine Reihe von Bildern, Fotografien und Videoausschnitte gezeigt, auf die er teilweise explizit im Vortrag eingeht oder die zeitweilig als eine Art Fotostrecke im Hintergrund zu sehen waren. Die Tonaufzeichnung kann diesbezüglich nur bedingt die Vortragssituation wiedergeben.

Jan Voelker: Nach der Kritik: Kunst und Politik
Die Gegenwart, lässt sich mit Alain Badiou sagen, ist von einer Krise des Negativen gekennzeichnet, die die Problematik des Neuen einschließt. Wie kann sich das Denken affirmativ auf das Neue beziehen, das nicht dem Gegebenen entspringt? Nicht nur das Denken der Politik und das Denken der Kunst, sondern gerade auch das Denken des Verhältnisses von Kunst und Politik ist von dieser Krise des Negativen erfasst. Weit verbreitet ist die Überzeugung, dass der Kunst – in verschiedenen Arten und Weisen – eine politische Bedeutung zukomme. Oftmals vernebelt die Idee der politischen Bedeutung der Kunst allerdings die gegenwärtige Abwesenheit emanzipatorischer Politik. Aber wie genau lässt sich das Verhältnis von Kunst und Politik fassen ohne in diese Falle zu gehen? In der Ästhetischen Theorie beschreibt Adorno gerade die Funktionslosigkeit der Kunstwerke als deren negative gesellschaftliche Funktion. Demgegenüber hat Jacques Rancière in dieser Negativität den unendlichen Aufschub einer Versöhnung ausgemacht, die in der Moderne wiederum der Positivität einer Kunst gegenübersteht, die sich in der Konstruktion einer Gemeinschaft selbst abschafft. Für Rancière gilt es aber gerade, die unaufhebbare heteronome Durchkreuzung der Kunst aufrechtzuerhalten, die der Kunst erst ihre Autonomie sichert. Fragen lässt sich in beide Richtungen nach dem affirmativen Gehalt der Autonomie der Kunst. Inwieweit können Politik und Kunst zunächst radikal als autonome Prozeduren unterschieden werden, um sie anschließend im Denken neu zueinander zu positionieren?

Mitschnitt des Vortrags von Jan Voelker vom 14. Juni 2012. Verwendung, Vervielfältigung und Weitergabe der Inhalte bedürfen der Genehmigung. Die Rechte liegen bei dem Referenten.

Maxi Berger: Negative Dialektik. Oder von den erkenntniskritischen Implikationen des Objekts bei Adorno
Das Denken in der Moderne befindet sich in einem Dilemma: Im Deutschen Idealismus insbesondere Hegels hatte sich das Denken als absolut unabhängiges und Gestalterin der Welt verstanden. Mit der Kritik des Deutschen Idealismus wird das Denken aber aus dem einheimischen Reich seines Gedankens vertrieben, weil dieses Reich wider seines Selbstverständnisses sich als ein von historischen Zuständen Abhängiges erwiesen hatte. Andererseits findet es einen historischen Zustand vor, der mit der Marxschen Theorie als einer erwiesen ist, in dem die Autonomie des Denkens und dessen Realisation in der Gesellschaft als uneingelöst betrachtet werden müssen. Die Kunstwerke stehen zwischen dem Denken und dem gegenwärtigen Bewusstsein. In ihnen verkörpere sich Adorno zufolge dadurch menschliche Autonomie, dass sich ihre Gestaltung den Maßstäben der kapitalistischen Praxis verweigert. Dem entgegen stünden die Produkte der Kulturindustrie, die im Gegensatz dazu voll in der gesellschaftlichen Funktionalität aufgehen. In diesem Vortrag soll das Verhältnis von Erkenntniskritik, Gesellschaftstheorie und Kunst erläutert werden.

Zu diesem Vortrag können wir leider keinen Mitschnitt zur Verfügung stellen. Wenden Sie sich bitte bei Interesse direkt an die Referentin unter: info(at)gi-hannover.de

Michael Wehren: Rätsel und Fragment: Anmerkungen zu Adorno und Brecht
Adorno und Brecht gelten immer wieder als diejenigen Autoren, welche man nur allzu gut kennt. Und wie es denn auch so oft ist: als allzu Bekannte sind sie doch wieder unbekannt. Für eine heutige Auseinandersetzung mit den Arbeiten beider Autoren scheinen dabei insbesondere die Fragment gebliebenen Texte eine immer wieder neue Produktivität zu entfalten. In den Schichtungen, Spalten,  Abrissen und Wiederholungen des Fragments, wie sie beispielsweise Adornos Ästhetische Theorie oder Brechts Fatzer auszeichnen, artikuliert sich ein variierendes Schreiben, welches die Prozessualität und Performativität der Textbewegungen und ihrer Einsätze unterstreicht. In der Ästhetische[n] Theorie wie in Fatzer artikuliert sich so nicht zuletzt die Kritik am Werk als Fragmentarisierung des je “eigenen” Denken und Schreibens.

Mitschnitt des Vortrags von Michael Wehren vom 5.. Juli 2012. Verwendung, Vervielfältigung und Weitergabe der Inhalte bedürfen der Genehmigung. Die Rechte liegen bei dem Referenten.
Hinweis: Der im Vortrag verwendete Inszenierungsausschnitt wurde aus urheberrechtlichen Gründen aus der Audioaufnahme entfernt.

Marcus Steinweg: Kunst zwischen Immanenz und Transzendenz
Eine „Konzeption der Geschichte“ als „Kritik von Philosophie“, die „Philosophie nicht preisgeben“ will, wie es im Vorwort der zweiten Auflage der Dialektik der Aufklärung heißt, hat ihr Pendant in der „Anstrengung, über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen“, wie in einem Verständnis von Kunst, die sich angesichts ihrer Unmöglichkeit (Heteronomie, Geschichtlichkeit) als möglich (autonom, universell) begreift. Was für den Begriff eines “richtigen Menschen“ gilt, gilt für das richtige Kunstwerk: „Er wäre weder bloße Funktion eines Ganzen, das ihm so gründlich angetan wird, dass er davon nicht mehr sich zu unterscheiden vermag, noch befestigte er sich in seiner puren Selbstheit.“ Im Spannungsfeld zwischen Immanenz und Transzendenz situiert sich der Begriff der Kunst wie der des Subjekts: porös auf den gesellschaftlichen Tatsachenzusammenhang wie auf seine Inkonsistenz, deren Berührung der Chance von Autonomie und Freiheit entspricht. Das ist die Affirmation, die das Kunstwerk leistet, die Anerkennung seiner selbst als Element der empirischen Welt wie als Figur ihr resistenter Opponenz. 

Mitschnitt des Vortrags von Marcus Steinweg vom 11. Juli 2012. Verwendung, Vervielfältigung und Weitergabe der Inhalte bedürfen der Genehmigung. Die Rechte liegen bei dem Referenten.